LEBEN

So smart könnten 50plus künftig wohnen

Innovative Technik erlaubt den 50plus ein selbstbestimmtes Leben.

Innovative Technik erlaubt den 50plus ein selbstbestimmtes Leben.

In Luzern tüfteln Forscher an einem «intelligenten» Haus, in dem sich ein virtueller Butler um die Bewohner kümmert. So betreut, könnten ältere Menschen künftig länger im eigenen Heim leben, schreibt Mirjam Comtesse auf «bz.ch».

Das ist natürlich alles Zukunftsmusik und Anna bloss eine lebensgrosse Puppe. Doch ihre Wohnung existiert - zumindest als Forschungsobjekt: Im iHomelab, der Denkfabrik und dem Forschungszentrum für Gebäudeintelligenz im luzernischen Horw, untersucht ein Team der Hochschule Luzern, wie sogenannt "intelligentes" Wohnen aussehen könnte.

Intelligent heisst, dass verschiedene Geräte und Sensoren im Haus miteinander kommunizieren und so stets dazulernen. "Das Internet der Dinge" nennt man diese Vernetzung. Smarte Gebäudetechnik soll einerseits helfen, Energie zu sparen und das Leben bequemer zu machen, aber auch ältere Menschen dabei unterstützen, möglichst lange unabhängig zu bleiben.

"Wenn man die Zeit länger hinauszögern kann, bis jemand zum Pflegefall wird, könnte unser Gesundheitssystem enorme Kosten sparen", sagt Alexander Klapproth, Leiter des iHomelab. Im Fachjargon heisst der Forschungsbereich des ETH-Ingenieurs "Ambient Assisted Living", was im Deutschen ungefähr "selbstbestimmtes Leben durch innovative Technik" bedeutet.

Seit sechs Jahren existiert die Wohnung der Zukunft auf dem Areal der Hochschule Luzern. Sie bildet gewissermassen das Gesicht der Forschung nach aussen. Die weniger fassbare Denk- und Entwicklungsarbeit findet im angrenzenden Labor statt. Das Gebäude, in dem sich die Wohnung befindet, soll schon beim ersten Hinschauen signalisieren, dass es sich um etwas Aussergewöhnliches handelt.

Futuristische silberne Metallstreifen kleiden es ein. Ein Blick zwischen ihnen hindurch verrät allerdings, worin die Technik untergebracht ist: in einer alten Baubaracke. Das Interesse an der Wohnung ist gross. 17'000 Personen haben sie schon besucht. Das liegt auch daran, dass sie unterhaltsame Spezialeffekte bietet. Eine Kreisbewegung mit dem Arm, und das Licht im Wohnzimmer ändert die Farbe, eine Abwärtsbewegung, und es wird schwächer.

Die sogenannte Kinect-Technik, die dahintersteckt, ist der Unterhaltungsindustrie abgeschaut. Wer schon einmal auf einer Spielkonsole von Microsoft, der XBox, virtuell Tennis gespielt hat, weiss, wie präzise Sensoren Gesten registrieren können. "Die Technologie ist sehr verbreitet und deshalb kostengünstig", erklärt Klapproth. Genau das sei das Prinzip.

"Wir verwenden möglichst Standardkomponenten und vernetzen sie miteinander." Eine andere Technologie im iHomelab kommt erst in rund einem halben Jahr auf den Markt. Sie stammt von der Poly-Projekt GmbH im bernischen Zollikofen und nennt sich iSens. Es handelt sich um einen Bewegungssensor, der mit einem Telefon gekoppelt ist.

Die Seniorin oder der Senior stellt den Sensor bei sich zu Hause vorzugsweise an einem Ort auf, an dem er oder sie regelmässig vorbeiläuft. Registriert der Sensor längere Zeit keine Bewegungen, erfolgt automatisch ein Alarm an eine Telefonnummer, die man zuvor eingegeben hat.

"Dank verschiedenen Einstellungen kann man Fehlalarme vermeiden", erklärt Geschäftsführerin Beatrice Schori. "Aktive Senioren zum Beispiel können ein Intervall von zwölf Stunden eingeben, damit das Gerät keinen Alarm auslöst, nur weil sie morgens auf dem Märit waren und danach noch mit jemandem einen Kaffee getrunken haben."

Der ETH-Ingenieur und Betriebsleiter des iHomelab, Dieter von Arx, betont: "Das Vermeiden von Falschmeldungen oder Störungen ist ein entscheidender Faktor." Das System müsse stabil sein. Denn nur wer ihm vertraut, wird sich ein schlaues Heim kaufen. Dabei stellt sich auch die Frage, wie viel Überwachung wir zu unserem eigenen Schutz wollen.

Wenn jemand im Notfall über eine Webcam in meine Wohnung schauen kann, wer garantiert dann, dass er es nicht jederzeit tut? Der Datenschutz sei ein heikler Punkt, dem man bewusst viel Aufmerksamkeit schenke, betont Klapproth. "Wie jeder gute Butler weiss James bald viel über die Bewohner eines Hauses. Die Daten, die er sammelt und verwaltet, müssen deshalb mindestens so gut geschützt werden wie der Zugang zum eigenen Bankkonto."

Der Datenschutz und die Zuverlässigkeit sind das eine. Die andere Frage ist, ob die künstliche Intelligenz die Macht übernehmen könnte. James, bei dem alle Fäden des Computersystems zusammenlaufen, erhält eine Vielzahl an Kompetenzen.

Beispielsweise soll er bei Notfällen der Ambulanz die Türe öffnen, aber Einbrechern auf keinen Fall. Ein Blick in die Science-Fiction-Literatur zeigt, wie gross die Befürchtung ist, dass eine solche Form von künstlicher Intelligenz die Kontrolle an sich reissen könnte. Eines der berühmtesten Beispiele ist der Computer Hal 9000 in Stanley Kubricks Kultfilm "2001: Odyssee im Weltraum".

Dieser entwickelt ein unberechenbares Eigenleben. Es ist kein Zufall, dass James' Verkörperung als elektronisches Auge am Eingangstor zum iHomelab genau so aussieht wie Hal im Film. "Es muss immer einen Aus-Knopf geben", betont Klapproth. Klar sei: "Das Gebäude soll den Menschen dienen, nicht umgekehrt."

Die Gefahr kommt allerdings nicht nur von den Geräten selbst, sondern auch von aussen. Je abhängiger wir von Computern werden, desto empfindlicher könnte uns ein Versagen der Informatikinfrastruktur treffen. Dazu könnte es kommen, wenn Hacker das System knacken oder wenn die Software wegen eines Programmierfehlers versagt.

Klapproth und sein 23-köpfiges Team tüfteln auch ausserhalb des Wohnbereichs an Ideen, die älteren Menschen das Leben erleichtern und ihre Autonomie erhalten sollen. Beispielsweise an Apps, die es erlauben, leicht miteinander in Kontakt zu kommen, wenn zum Beispiel jemand spontan Lust hat, einen Jass zu klopfen.

"Man könnte Freunde am Bildschirm live zum Spielen zuschalten", meint Klapproth. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben zudem eine Smartphone-App namens "Confidence" entwickelt, die kürzlich mit einem europäischen Preis ausgezeichnet wurde. Sie ist ausgerichtet auf Menschen mit leichter bis mittlerer Demenz.

Diese können, wenn sie etwa den Heimweg nicht mehr finden, über einen roten Knopf mit bis zu fünf Angehörigen Kontakt aufnehmen. Online kann der Verwandte oder der Freund die demente Person dann nach Hause führen. Ebenfalls beteiligt war das iHomelab an der Entwicklung eines neuen Rollators.

Dieser verfügt über einen Elektroantrieb und unterstützt die Bewegungen des Benutzers. "Sie merken den Unterschied sofort, wenn sie einen Berg hoch laufen", meint Projektleiter Rolf Kistler. "In ein bis zwei Jahren wollen wir den Veloped auf den Markt bringen." Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus der Forschung für ältere Menschen: "Man darf sie auf keinen Fall stigmatisieren", betont Betriebsleiter Dieter von Arx.

Das bedeutet etwa, dass Senioren eine App auf dem Smartphone eher nutzen, da auch junge Menschen Smartphones besitzen. "Aber einen speziellen Alarmknopf, den sie am Handgelenk tragen müssen, lehnen sie tendenziell ab, weil er sie als potenziell Bedürftige ausweist." In der Wohnung der Zukunft soll die unterstützende Technologie daher möglichst unauffällig sein.

Der Sturzsensor etwa, den die Modellseniorin Anna trägt, befindet sich in ihrer Smartwatch. Gleichzeitig soll das Computersystem leicht zu bedienen sein. "In unserer Vorstellung können die Bewohner ohne Fernbedienung von überall her darauf zugreifen, unabhängig von einem bestimmten Gerät", sagt von Arx. "Sie können ihr Smartphone, ein Tablet, den Computer oder einen Funkschalter nutzen."

Wie lange wird es dauern, bis wir in smarten Wohnungen leben? Klapproth antwortet ausweichend: "In fünf bis zehn Jahren werden wir wesentlich weiter sein als heute", meint er. "Vielleicht gelangen wir aber irgendwann auch an einen Punkt, an dem wir mit den derzeitigen technischen Möglichkeiten bei der künstlichen Intelligenz nicht weiterkommen."

Das könne etwa sein, weil die Rechenkapazität heutiger Computer für eine markttaugliche Lösung nicht ausreiche. "Dann müssten wir vorübergehend die Waffen strecken und auf weitere Innovationen warten."